Dienstag, 12. April 2022

Digital Painting: Pop Art

Sechs Blüten in sechs Farben - sehr poppig
RGB.

Pop Art trifft auf Computergrafik

Ausgefallene Ideen, die alleine mit Fotografie nicht zu realisieren sind, setze ich mit Digital Painting resp. Computergrafik um. Zum Einsatz kommen die Programme Illustrator, Photoshop und gelegentlich Corel Draw.

Bei alledem schlägt meine Vorliebe zur Pop Art durch wie das Bild oben zeigt. Die Vorlage dazu ist ein doppelt belichtetes Polaroidfoto. Mehr Digital Painting  finden Sie auf meiner Sonderseite "Malerei und Grafik".
 
P.S.: Meine Grafiken und Fotos können Sie auch kaufen. Besuchen Sie dazu einfach meinen Artflakes-Shop oder meinen Shop bei Fine Art Prints.

 

Freitag, 1. April 2022

Kameratest: Die Instax mini evo hybrid

Instax mini evo hybrid
Instax mini evo hybrid.

Sofortbildkamera Instax 

mini evo hybrid im Test

Eine Digitalkamera, die sofort Bilder ausdrucken kann und diese auch digital abspeichert? Ist das die eierlegende Wollmichsau unter den analogen Kameras oder mit 199€ einfach nur ein teures Spielzeug? Mit meinem Test will ich dieser Angelegenheit auf den Grund gehen.
 

Unboxing Instax mini evo hybrid

 
In einem dicht gepackten Karton kommt die Kamera bei mir an. Inhalt: Kamera und in einer gesonderten Verpackung Ladekabel, Schulterriemen und Handbuch. Ein Ladegerät ist nicht dabei. Allerdings erfüllt jedes Handy-Ladegerät diesen Zweck.
 

Haptik der Kamera

 
Verblüfft war ich in dem Moment, in dem ich die Kamera in die Hand nahm. Vermutet hatte ich eine Plastikkamera, die in der Hand liegt wie die Spielzeugkameras, die es als Wasserpistolen zu kaufen gibt. Doch weit gefehlt: Die mini evo hybrid liegt so gut in der Hand, dass ich sie gar nicht weg legen mochte. Zum Aufladen war das aber doch nötig - und das dauerte mehr als zwei Stunden.
 

Praktikabilität der Funktionsanordnungen

 
Alle Knöpfe und Schalter sind optimal angeordnet. Für Hoch- und Querformat gibt es zwei Auslöser, die sinnig angelegt sind. Allerdings muss ich als Fotograf mit großen Händen aufpassen, dass ich beim Hochformatauslösen nicht den Blitz verdecke. Möglicherweise ist das bei kleineren Händen kein Problem. Erst später habe ich gemerkt, dass ich auch hier den Finger der rechten Hand nehmen muss. Dann gibt es keine Schwierigkeiten.

Technische Daten

 

 

Schulterriemen befestigen

 
Dass das beigefügte Handbuch nur eine Kurzanleitung darstellt, erkannte ich beim Versuch den Schulterriemen anzubringen. Aus den Angaben wurde ich nicht schlau. Erst die genaue Bebilderung des ausführlichen Handbuchs, das unter https://instax.com/mini_evo/en/support/manuals/ downzuloaden ist, funktionierte es. Wichtig ist an dieser Stelle der Herstellerhinweis den Riemen nicht um den Hals sondern über der Schulter zu tragen. Sicherlich dient dies der Unfallverhütung, da beide Enden des Schulterriemens an der Kamera im gleichen Haken befestigt werden. Dadurch läuft, das ist meine Einschätzung, der Riemen enger zu als wenn er an beiden Seiten der Kamera fixiert wäre. Letztendlich passt die Kamera mit ihrem Ausmaß von 8,7x12,2 cm in jede Jackentasche - der Riemen ist nicht unbedingt erforderlich.  
 
Rückansicht der Evo
Rückansicht der Evo. Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet. Schutzfolie lasse ich drauf.



 

Digitaler Zoom möglich


Über das Einstellrad um die Menütaste besteht die Möglichkeit den digitalen Zoom einzusetzen. Dies erweitert die Möglichkeiten des Weitwinkelobjektivs (28mm) um einiges. Der Mindestabstand für solche Aufnahmen beträgt 10cm. Das heißt: Eine einzelne Tulpenblüte kann aufgenommen werden. 

Bildqualität der Ausdrucke

 
Bei den technischen Daten sticht die niedrige Auflösung von max. 2560x1920 Pixeln ins Auge. Doch wegen der recht kleinen Bildgröße im Ausdruck von lediglich 6,2 x 4,6 cm macht die Auflösung sich nicht deutlich negativ bemerkbar. Spaß und Ergebnis leiden also nicht.
 

Retro-Look trifft auf digital


Äußerlich präsentiert sich die Evo mit ihrem schwarz-silbernen Kunststoffgehäuse, das ihr den Retro-Look verpasst. Für Selfies besitzt sie einen Spiegel aus Metall. In lichtarmem Umfeld hilft der Blitz weiter. Eine Neuerung sind die zwei Auslöseknöpfe für Hoch- und Querformat. Der "Filmtransporthebel" gibt den Befehl zum Ausdrucken des im 3-Zoll-Monitor ausgewählten Bildes. Dafür fehlt ein optischer Sucher. Da der Monitor fest installiert ist, gibt es keine Möglichkeit aus extremer Unter- oder Übersicht zu kontrollieren. Gänseblümchen können folglich von der Seite nicht aufgenommen werden.

Leichtgewicht mit Micro-Sd-Karten-Einschub

 
Mit nur 285 Gramm zerrt die Evo nicht am Schulterriemen. Trotz Plastikgehäuse vermittelt diese Kamera einen hochwertigen Eindruck. Das "Versteck" für Ladekabel und Kartenschlitz sitzt an der Unterseite und ist recht klapperig angelegt.

Retro-Fun mit Rändelrädchen


Rändelrädchen und Objektivring dienen der Verstellung von Farbgebung und Einstellung. Sepia- und Schwarzweißfilter geben den Motiven einen Retrolook. Der Objektivring dient keineswegs zu Scharfstellen sondern spendiert beim Drehen weitere Effekte wie Vignettierung, Doppelbelichtung oder Lichtfleck. Auf diese Weise kommen 100 Effekte zusammen, die allerdings nur beim Fotografieren zur Geltung kommen. Nachbearbeitung ist mit diesen Filtern nicht möglich.
 

App zum Drucken und Fernauslösen


Für die Evo existiert auch eine App. Mit dieser können Fotos zum Drucken per Bluetooth auf die Kamera übertragen werden. Bilder lassen sich drehen und vergrößern. Möchte man selbst mit aufs Foto, dann kann man die App zum Fernauslösen verwenden.
 

Druckbefehl aus der App wird an die Evo gesendet.
Bildauswahl und Druckbefehl erfolgen in der App.


Bild kommt gedruckt aus der Kamera
Bereits nach wenigen Sekunden schiebt sich das Bild aus der Evo.


 
Ausbelichtetes Foto
...und fertig ist das Bild. Das Format ist niedlich.

Kleines Bildformat


Die Evo arbeitet mit instax-Mini-Filme. Diese sind 62 x 46 mm kleiner als klassische Polaroids oder Fotos der Instax Wide 300. Zum Ausgleich schlagen die Ausdrucke nur mit 0,75 € zu Buche - klassische Polaroids kosten bedeutend mehr.

Hybrid spart Geld


Die Evo punktet durch ihre Hybridfunktion mit gewählten Ausdrucken. "Verschossene" Motive können gelöscht werden und kosten nichts. Das kennen Polaroid-Fotografen eher anders. Insgesamt passen 45 Fotos in den internen Speicher der Kamera. Wer mehr möchte, der kann eine Speicherkarte einsetzen.

Tolle Kamera mit Spaßfaktor


Insgesamt betrachtet ist die Evo eine prächtige Kamera, die bei mir für viel Freude am Fotografieren sorgt. Schöner wäre es, wenn es die Instax Wide 300 als hybride Kamera mit digitalen Funktionen geben würde. Deren Fotos sind wesentlich größer und können sich mit den herkömmlichen Polaroids messen. Vielleicht kommt das ja noch?

Donnerstag, 24. März 2022

Blaue Blumen im Sofortbild

 
Blaue Blüten im Polaroidfoto
Meine ersten Motive waren blaue Blüten.

Ausbruch aus den 

digitalen Welten

Neben aller keimfreier Digitalfotografie stand mir der Sinn schon länger nach einem Weg zurück in die analoge Fototechnik. Immerhin: Früher war ich stolzer Besitzer eines 30qm Color- und SW-Labor
s für Mittelformat und KB-Film. Doch dafür ist heute kein Platz vorhanden. 
 
Obwohl mir lange Zeit eine Mamiya RB 6x7 Kamera vor dem geistigen Auge entlang geschwebt ist, habe ich mich nun für die Sofortbildtechnik entschieden. Meine ersten Ergebnisse sind auf einer Sonderseite zu sehen.
 
Update 28.03.2022: Auf der Sonderseite habe ich eine kleine Geschichte der Sofortbildfotografie hinzugefügt.

Dienstag, 22. März 2022

Warum werden Graffitis gesprayt?

Schriftzug "Freaks"
Graffiti "Freaks", gesehen in Lübeck.

Drogenähnlicher Rauschzustand 

bei Sprayern

"Schauen Sie mal hier! Das sind meine Motive", sagte ein junger Mann, der vor Jahren als Teilnehmer bei mir am Bewerbungstraining teilnahm. Ich sah auf dem Bildschirm seiner Digitalkamera mindestens zwölf besprühte Einsenbahnwaggons, darunter sogar einige von ICEs. 

Dokumentation der Arbeit

"Die Kamera haben Sie immer dabei?", wollte ich wissen. Er bejahte mit den Worten "Muss doch alles was ich mache dokumentieren." Ich schüttelte den Kopf. Selbst ein Änfänger im Polizeidienst wäre ohne Nachdenken in der Lage diese Fotos ihm gegenüber als Beweislast zu betrachten. Kurzum: Er wäre dran!

Hotspot in Lübeck

Doch warum ist die Graffitiszene so groß, so weit verbreitet. Und das schon seit langer Zeit. Ein früherer Studienkollege von mir, Ulrich Dammer, schrieb bereits Anfang der 80er Jahre seine Magisterarbeit im Fach Germanistik über Graffitis. Und heute, in Lübeck, ist die Rückseite einiger Fabrikgebäude an der Kanaltrave sonntags ein regelrechter Hotspot für Sprayer. 

Mauern regelrecht belagert

Am letzten Sonntag radelte ich dorthin um Fotos zu machen: Es war unmöglich, denn auf einer Länge von 100 Metern war jeder Mauerfleck von den Sprayern belagert und wurde bearbeitet. Künftig fotografiere ich montags und es lohnt sich wirklich, denn die Kunstwerke von der Vorwoche werden am Sonntag buchstäblich überarbeitet. Ein Beispiel dafür sehen Sie auf dem nachfolgenden Bild. Nr. 1 ist die Urversion - Nr. 2 die Überarbeitung. Welches ist besser 1 oder 2? Schreiben Sie es gerne in die Kommentare.:

Zwei Graffitis mit dem Schriftzug "Kywis"
Zweimal Kywis: Graffitis werden auch mal aktualisiert.

Zurück zur Frage nach dem "Warum". Hier helfen Untersuchungen der Universität Potsdam weiter. Diese kamen nach Wikipedia im Ergebnis zu verschiedenen Motivationen der Sprayer:

  •    "Streben nach eigener Verbesserung, Fortschritte machen
  •     Positive Emotionen (abschalten vom Alltag, abreagieren, Stimmung verbessern,  drogenrauschähnlicher Kick beim Sprühen)
  •     Kreativität (Ideen und Vorstellungen verwirklichen, Gefühle ausdrücken)
  •     Gruppengefühl (Geborgenheit, Zusammenhalt)
  •     Ruhm (englisch: Fame)
  •     Lebenssinn
  •     Grenzerfahrungen machen (Angst, Gefahr erleben und überwinden)
  •     Selbstverwirklichung"

Graffiti eines Autos
Neue Variante eines VW?

Sprayer erlebten, so Wikipedia, einen drogenähnlichen Rauschzustand, der sonst nur bei Extremsportlern festzustellen sei. Dies gelte erstaunlicherweise sowohl für illegale als auch legale Anfertigung von Graffitis. 

Illegal mehr Stress

Illegales Malen bedeute "ein hohes Maß an psychischem und physischem Stress", so Wikipedia weiter. Dies könne an Anreiz sein auf legale Künste umzusteigen. 

Anmerkung von mir: Den drogenähnlichen Rauschzustand, der in den Untersuchungen festgestellt wurde, halte ich für ein Äquivalent zum Flow, den jeder Kunstschaffende (auch Amateure!) kennt. Im Flow vergisst man Raum und Zeit, konzentriert sich nur auf sein Schaffen und gerät danach in einen Zustand der wohligen Erschöpfung. 

Graffiti Schriftzug "Marion"
Beim Graffiti "Marion" habe ich die Farben "aufgedreht".

 Camera Raw-Filter bringts

Graffitifotos mit PS und dem Camera Raw-Filter zu bearbeiten, kann sehr attraktiv sein. Spielerischer Umgang mit Farben, Klarheit und Form sowie Belichtung ermöglichen Ergebnisse, die weit über das Original hinaus gehen. Das muss für mich wohl der Grund sein, warum ich so gerne Graffitis fotografiere.

Montag, 21. März 2022

Michael Felske ist wieder bei Instagram

Foto meines Instagramprofils
Snapshot meines Instagram-Profils.

Meine aktuellen Fotos sind 

bei Instagram zu sehen

Unter felske_photo sind meine aktuellen Fotos bei Instagram zu sehen. Seit zwei Wochen poste ich wieder regelmäßig ein Bild pro Tag. Aktuell befasse ich mich mit der Fotografie durch die Glaskugel und auch mit Fotos von Graffitis.

Weiter unten (in der Vergangeheit) sind Porträtfotos gepostet. Angefangen habe ich dieses Profil mit Blumenfotos.

Im Ordner "zur Bearbeitung" liegen derzeit ca. 100 Fotos aus den ersten beiden Themenbereichen. Die Lübecker Graffitiszene ist riesig. An den Rückwänden von Fabrikgebäuden an der Kanaltrave (Fluss) treffen sich Sonntags dutzende Sprayer und übermalen die Kunstwerke von einer Woche zuvor. 

Montags kommt dann meine Stunde... :-)

Samstag, 19. März 2022

Kirche und Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts

Steinmetzarbeit: Gott
Gott habe die Menschen nach seinem Bilde geschaffen.

 Fotografie als unchristliche

Kunst des Teufels

Liebend gerne durchforste ich historische Texte aus der Geschichte der Fotografie. Fündig geworden
bin ich heute im Buch "Theorie der Fotografie" von Kemp/von Amelunxen. Der Text von Max Dauthendey ist möglicherweise Fake, da es keine echten Quellenangaben dafür gibt. Dennoch möchte ich Ihnen den nicht vorenthalten. Es geht um Gott und Bildnisse.


Gegen Neuerungen zeigte sich die Kirche in ihrer Geschichte bekanntermaßen widerspenstig und kratzbürstig. Umso mehr dürfte ein Aufsatz des Fotografensohns Max Dauthendey aus dem Jahr 1841 spitze Schreie der Freude bei Klerikalen hervorgerufen haben.

Festgehaltene Spiegelbilder sind Gotteslästerung

Schon der Wunsch Spiegelbilder festzuhalten sei eine Gotteslästerung, schreibt Dauthendey in seiner kleinen Abhandlung "Des Teufels Künste". Der Mensch sei "nach dem Ebenbild Gottes geschaffen,
und Gottes Bild kann durch keine menschliche Maschine festgehalten werden", schreibt Dauthendey. Erlaubt sei dies nur "göttlichen Künstlern", die dies ohne maschinelle Hilfe beherrschten.

Einfalt und Hochmut

"Gott hat zwar bisher in seiner Schöpfung den Spiegel, der eitles Spielzeug des Teufels ist, großmütig
geduldet. Wahrscheinlich aber übt er diese Nachsicht, damit insbesondere die Weibspersonen im Spiegelglase ihre Einfalt und ihren Hochmut sich vom Gesicht ablesen können. Aber kein Spiegel, weder dessen Glas noch dessen Quecksilber hat von Gott bisher die Erlaubnis erhalten, Menschengesichter in seiner Fläche festzuhalten."

Massenkrankheit von Eitelkeitswütigen erwartet

Daguerres Erfindung sei eine "Erfindung teuflischster Art". Wenn sich jeder für seine Goldpatzen sein
Spiegelbild dutzendweise anfertigen lassen kann (...) wird eine Massenkrankheit von Eitelkeitswütigen
ausbrechen, denn wenn sich jedes Gesicht dutzendweise verschenken und bewundern lassen kann", dann mache das die Menschen "gottlos oberflächlich und gottlos eitel."

Wenn Max Dauthendey von Selfies gehört hätte...

Donnerstag, 17. März 2022

Den fotografischen Blick entwickeln

Elbphilharmonie mit Detail der Fassade
Elbphilharmonie mit Detail von der Fassade. Wer genau hinschaut, sieht dies.

Ganz genau hinschauen statt 

schnell nur definieren

Schauplatz Neuruppin, Fontaneplatz. Seit dem 8. Juni 1907 steht dort das vom Bildhauer Max Wiese gestaltete Denkmal des Dichters der Mark, Theodor Fontane. Wie sieht das "richtige" Foto dieses Denkmals aus? Für Menschen, die tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit und zurück daran vorbei gehen? Für sie reicht wohl eine durchschnittliche Automatikaufnahme. Diese Betrachter werden über das Foto sofort denken "Aha, kenne ich, das Denkmal von Fontane auf dem Fontaneplatz.

Touristen fotografieren das Fontane-Denkmal

Touristen, die das Denkmal zum ersten Mal sehen, verweilen dort. Lange. Sie sehen sich das Denkmal recht genau an. Das konnte ich in dem Jahrzehnt, das ich in Neuruppin als Bildjournalist und Redakteur verbracht habe, oft beobachten. Sie kennen das Denkmal vielleicht aus ihrem Reiseführer. Sie denken möglicherweise "Aha. So sieht es also in echt aus, das Denkmal aus dem Reiseführer." Viele machen auch Fotos davon - eigentlich die meisten von ihnen. Oft schauen sie sich nochmal das Foto im Reiseführer an und stellen Vergleiche mit der Wirklichkeit an. Ob sie in der Qualität ihrer Fotos über die oben erwähnte Automatikaufnahme hinaus kommen? Manche vielleicht. Die meisten sicherlich nicht. Die zählen zu den um sich schießenden fotografierenden Touristen, den Foto-Wilddieben.

Grass beschreibt Denkmal bis ins kleinste Detail

Ortswechsel. Schauplatz Neustadt/Dosse, Aula des dortigen Gymnasiums. Es steht eine Lesung von Günther Grass auf dem Stundenplan. Er liest aus "Ein weites Feld" für Oberstufenschüler. Auch er steht in der Geschichte vor dem Denkmal. Er beschreibt es wie folgt: "Wie erwartet fanden sie den Schriftsteller als rastenden Wanderer, in Bronze sitzend, auf einer steingehauenen Bank. Er wollte von
allen Seiten besichtigt werden.  Dort, wo er sich mit dem linken Arm abstützte, war der Armlehne eine Metallplatte im Schmucksims eingelassen, auf der zu lesen stand, daß dieses Denkmal im Jahr 1907 dem ´Dichter der Mark` errichtet worden war.

Fontane schaut barhäuptig in die Ferne

Seitdem sitzt er im offenen Mantel, schlägt das rechte Bein über, läßt die rechte Hand, die den massiven Bleistift hält, nahe dem hochgestützten Knie ruhen, während die linke Hand vom Steinsims weg lässig abknickt und mit dem Zeigefinger ein Notizbuch aufsperrt. Neben dem Sitzenden, der barhäuptig in die Ferne schaut, ist genügend Platz für den metallenen Faltenwurd des insgesamt geräumigen Mantels und den im Verlauf der Jahrzehnte grauschwarz patinierten Hut, den der rastende Wanderer auf der Bank abgelegt hat und dessen Krempe rundum aufgestülpt einen Graben bildet, in dem sich Wasser von letzten Regengüssen gesammelt hat.

Bronze glänzt abgegriffen

Der eigentliche Hut wirkt flach, weil eingedellt. Über die Lehne am anderen Bankende, der gleichfalls eine Metallplatte eingefügt worden ist, auf der Name, Geburtsort und die beiden Daten des Dichters zu lesen sind, hat der rastende Wanderer durch die Mark seinen berühmten Shawl geworfen, dem allerdings kein schottisches Muster eingewebt worden ist. Außerdem lehnt sich in naturgetreuem Guß
sein Wanderstock an die steinerne Lehne. Die Bronze glänzt abgegriffen, die Wanderschuhe sind geputzt. (...) Vielleicht sollte noch die vom offenen Mantel freigegebene Weste erwähnt werden - auch daß sie Querfalten wirft - und gleichfalls die zur Schleife gebundene Halsbinde. Man könnte sich in weitere Details vergucken - später vielleicht."

Schülerin stellte Frage aller Fragen

Soweit Günter Grass im Original. In der Aula war die Lesung mittlerweile vorbei. Für die Schüler war es Zeit Fragen zu stellen. Wieviel er pro Tag schreibe, woher die Ideen kämen und ähnliche Fragen beantwortete der Schriftsteller sehr höflich und präzise. Pädagogisch und ganz fachlich wurde Grass dann in den Antworten auf diese Frage: "Waren Sie eigentlich schon einmal in Neuruppin? Sie beschreiben ja das Fontanedenkmal so genau."

Nicht nur Schriftsteller sondern auch Zeichner

Manche der anwesenden Schüler glucksten ein wenig, blieben aber ansonsten altergemäß (Oberstufe) professionell. Da auch ich Ohrenzeuge dieser Frage war, kannte meine Spannung keine Grenzen. Wie würde der Schriftsteller reagieren? Seine pädagogisch und auch fachlich gut gemeinte Antwort lautete: "Ja, ich stand bereits vor dem Fontanedenkmal. Und wissen Sie, ich bin nicht nur Schriftsteller sondern auch Zeichner. Und als Zeichner, da muss ich ganz genau hinschauen, damit ich auch erfasse, was ich vor mir habe."

Großformatiger Abzug wäre erforderlich

Wie hätte Günter Grass das Fontanedenkmal fotografiert? Er hat früher auch fotografiert - gerne mit einer Boxkamera. Doch mit dieser wäre auf dem Denkmalfoto nicht das zu sehen gewesen, was er im Buch beschreibt. Hätte Grass sich wegen der Tiefenschärfe für eine kleine Blendenöffnung entschieden und mit Stativ fotografiert? Um die Details dann auch zu zeigen wäre ein großformatiger Abzug erforderlich (ab DIN A4), der in kein Fotoalbum passt. Schlägt also in dieser Hinsicht das geschriebene Wort die Fotografie?

Fotos entstehen im Kopf

Sicherlich nicht. Allerdings müssen Fotografen mit einem geschulten fotografischen Blick an das Motiv herangehen. Dieser Blick nimmt Bildkomposition samt Tiefenschärfe und Lichteinfall vorweg. Das Foto entsteht zuerst im Kopf und wird dann mit vorhandener Technik umgesetzt. Übrigens: Manuelle Kameraeinstellungen helfen hier sehr. Vielleicht wäre ein Fontaneporträt, aufgenommen von einer Leiter aus seiner Blickrichtung, angebracht? Oder besser doch das Standardfoto von vorne? Sie entscheiden, wenn Sie einmal vor dem Denkmals auf dem Fontaneplatz in Neuruppin stehen.

Details erkennen

Auf dem Foto oben sehen Sie links die Hamburger Elbphilharmonie und rechts eine Detailaufnahme der Fassade. Wer die Immobilie sachlich kurz anschaut und "Aha, Elbphilharmonie!" denkt, der wird nie diese Details sehen. Er bestätigt sich nur, dass ihm die Umwelt vertraut ist - kein Grund zur Beunruhigung. Es lohnt sich immer, das zeigt das Foto oben, ganz genau wie Günter Grass hinzuschauen. Das klappt in diesem Fall entweder mit Teleobjektiv oder mit Fernglas.

Unschärfe schafft Bildaussage

Völlige Bildschärfe war schon immer Ansichtssache. Peter Henry Emerson schreibt 1889 in seinem Aufsatz "Die Gesetze der optischen Wahrnehmung und die Kunstregeln, die sich daraus ableiten lassen": (...) kann man nun verstehen, daß ein Bild nicht in jedem Teil zu scharf sein sollte, denn dann wird es falsch. Es sollte gerade so scharf werden, daß es am besten die Erscheinung der Natur, so wie man sie von einem bestimmten Standpunkt aus wahrnimmt, wiedergibt und nicht schärfer, denn man muß bedenken, daß das Auge die Dinge nicht so scharf sieht wie die fotografische Linse (...)" Das menschliche Auge arbeite fehlerhaft und berichtige ab einer Entfernung von sechs Metern die Tiefenwerte nicht korrekt. Schärfe stehe nur dem Hauptgegenstand des Bildes zu, alles andere dürfe nicht scharf sein.

Hübsches Gesicht fixiert

Emerson erklärt seine Sichtweise anhand des folgenden Beispiels: "Ein verfallener hölzerner Landungssteg steht neben einigen Trauerweiden am Ufer eines Sees. Vom Landungssteg führt ein Weg durch einen Garten hin zu einer strohgedeckten Hütte, ungefähr 90 Meter entfernt. Hinter der Hütte
läuft eine Pappelallee. Auf dem Landungssteg steht ein schönes sonnengebräuntes Bauernmädchen in einem einfachen Baumwollkleid. Sie lehnt gegen eine Weide und schaut versonnen in das Wasser. Wir, die wir auf dem See rudern, sind von dem Bild, aber besonders von der blendenden Schönheit des Bauernmädchens gerührt. Unsere Augen fixieren ihr gesundes Gesicht und können nirgendwo anders hinschauen." Direkt und scharf werde nur das Gesicht des Mädchens gesehen. Die anderen Dinge wie Weiden, Steg und Baumwollkleid kennen wir, würden sie aber unscharf sehen.

Augen finden keinen Anhaltspunkt

Emerson verändert nun sein Beispiel wie folgt: "(...) stellen wir uns vor, daß das Ganze sich verändert, so wie eine Bühnenszene sich verändert. Allmählich treten das Kleid des Mädchens und die Rinde und die Blätter der Weiden scharf heraus, die Hütte verwandelt sich und wird scharf, so daß die Umrisse des Mädchens wie ausgeschnitten vor ihr erscheinen, die Pappeln in der Ferne sind scharf, und das Wasser kommt näher, und alle Kräuselungen auf seiner Oberfläche und alle Lilien an seinem Rand sind scharf. Und wo ist das Bild? Verloren! Das Mädchen ist das, aber sie ist nur ein Fleck inmitten all der scharfen Details (...). Unsere Augen irren von der Rinde zu den Blättern und von dem Stroh auf dem Dach hin zu den kleinen Wellen, sie finden keinen Anhaltspunkt (...)"

Mit Schärfe spielen

Nun haben wir die Grass´sche Schärfe und die Unschärfe, nach der Emerson es verlangt. Den Blick des Betrachters zu führen, ist stets eine gute Wahl. Das gelingt mit gezielter Unschärfe ganz sicher. Genau hinsehen und sich nicht nur mit der Definition dessen zufrieden zu geben, was wir sehen, gehört zum fotografischen Blick ganz gewiss dazu. Wie Sie dahin kommen? Probieren Sie einfach alles aus: Spielen Sie mit Schärfe und Unschärfe, unterschiedlichen Perspektiven, verschiedenen Belichtungszeiten bis hin zur Langzeitbelichtung, Licht und Schatten, Bildausschnitten usw. bis Sie mit der Bildaussage zufrieden sind. So schulen Sie Ihren fotografischen Blick.

Übrigens: Ich hätte mich in Emersons Beispiel für ein Porträtfoto des Mädchens entschieden. :-)

(Der Aufsatz von Emerson ist im Buch "Texte zur Theorie der Fotografie" des Reclam Verlags zu finden.)

Mittwoch, 16. März 2022

Einstellungen zur Daguerrotypie

Daguerrotypie: Boulevard du Temple aufgenommen von Louis Daguerre
Boulevard du Temple by Daguerre. Pariser Straßenansicht mit Menschen. Quelle: Wikipedia

Außerordentlicher Dienst
für die Kunst

Einst versuchte Louis Daguerre vergeblich seine Erfindung der Daguerreotypie zu verkaufen oder mittels eine Aktiengesellschaft zu vermarkten. Der Physiker und Politiker Dominique Francois Arago sprang Daguerre zur Seite mit seiner Idee, die Erfindung an den Staat zu verkaufen und dafür Entschädigungszahlungen zu erhalten. Am 3. Juli 1839 hielt Arago vor der Deputiertenkammer
eine flammende Rede für das Vorhaben pro Daguerreotypie.

Aus Arago sprach der Wissenschaftler

Experimente, Projekte und die Wissenschaft könnten durch das neue Verfahren ihren Nutzen ziehen, war Arago sich sicher. Er plädierte wie folgt. "Nachdem Sie mehrere Bilder gesehen haben, wird wohl jeder daran denken, welch ungeheuren Nutzen die ägyptische Expedition aus einem so genauen und so schnellen Reproduktionsmittel hätten ziehen können (...) Um die Millionen und Aber-Millionen Hieroglyphen zu kopieren (...) bedarf es Dutzende von Jahren und einer Legion von Zeichnern. Mit dem Daguerrotyp könnte ein Mann diese Aufgabe bewältigen."

Maler Paul Delaroche zertreute Bedenken

Dass das neuartige Verfahren der Kunst schaden könnte, verneinte der Maler Paul Delaroche. "Kurz gesagt, mit der bewunderungswürdigen Erfindung hat Herr Daguerre den Künsten einen außerordentlichen Dienst geleistet", so Delaroche. Regelreicht begeistert habe ihn die unnachahmliche Feinheit des Bildes sowie die Präzision der Formen und die Genauigkeit der Linien. Maler könnten durch das Verfahren Sammlungen von Studien anlegen, die anderenfalls erheblichen Aufwands bedurft hätten.

Mehrheit in Abstimmung für Erwerb

Mit nur drei Gegenstimmen wurde dem Antrag auf staatlichen Erwerb durch 273 Ja-Stimmen stattgegeben. Louis Daguerre wurde eine Pension von 6.000 Francs zugesprochen. Daguerre und Niépce erhielten den Orden der Ehrenlegion. Die Nachricht dieser Entscheidungen verbreitete
sich quer durch Europa.

Leider nur Schwarz-Weiß

In Deutschland zeigten sich die Kritiker baff enttäuscht. Ludwig Schorn, Herausgeber des "Morgenblattes für gebildete Stände" und sein Kunstkritiker Eduard Koloff beklagten in ihrem Aufsatz "Der Daguerreotyp", dass die Daguerrotypie keine farbliche Darstellung hergebe. Ferner wurde die schwere und unhandliche Technik kritisch beäugt: "(...) aber man hatte gehofft, es würde sich jeder mit Leichtigkeit des Apparats bedienen können, um aus dem Fenster seiner Wohnung, oder auf Reisen, selbst aus dem Wagen, die äußeren Gegenstände aufzunehmen. Statt dessen ward eine künstliche,
feine und schwierige Prozedur gefordert, die nur ein geübter Chemiker mit einigem Gelingen vorzunehmen vermag."

Daguerreotyp schreibe leblose Natur ab

Der Malerei schade das neue Verfahren sicherlich nicht, so Schorn. Der Daguerreotyp schreibe aber nur leblose Natur ab. Darstellungen von Bewegungen seien nicht möglich. "(...) ja selbst das Bildnis eines ganz ruhig dasitzenden Menschen scheint ihm nicht gelingen zu wollen, weil die unmerklichste Bewegung der Augen der Abbildung dieser Teile Bestimmtheit und Glanz nimmt (... und) schon die leise Bewegung des Atems eine Änderung der Konturen hervorbringt", so Schorn.

Ludwig Schorn war gedanklich seiner Zeit voraus. Es sollte noch einige Dutzend Jahre dauern, bis die Belichtungszeiten seinen Anforderungen gerecht wurden.

 

(Zitate und Text beziehen sich auf das Buch Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen, Theorie der Fotografie I-IV 1839-1995, Verlag Schirmer/Mosel, München 2006)

Dienstag, 15. März 2022

Fotos als Zeitdokumente

Kirchenruine im brandenburgischem Ganzer
Vergängliches dokumentieren ist schon lange Zeit eine Aufgabe der Fotografie.

Fotografie verleiht

Vergänglichem Dauer

Eine neue wertvolle Funktion von Fotos als detailliertes scharfes Abbild entdeckte man kurz nach der Unschärfedebatte, die sogar ärgste Kritiker der Fotografie zu Lobeshymnen motivierte: Fotos wurden plötzlich als Zeitdokument von Menschen, Gebäuden und anderen Vergänglichem gesehen.

Gefährdete Ruinen vor Vergessen bewahrt

"Wenn sie gefährdete Ruinen, Bücher, Stiche und Manuskripte vor dem Vergessen bewahrt, jene wertvollen Güter, deren Form sich auflöst und die Anspruch auf einen Platz in den Archiven unserer Erinnerung haben, dann soll die Fotografie bedakt und belobigt sein", schrieb Baudelaire.

Stimulation der Gefühle

G.J. Banner beschäftigte sich 1864 mit den sozialen Auswirkungen von Fotografie. "Durch diese Kunst sind die Gefühle der Ärmsten stimuliert worden - man braucht nur zu beobachten, mit welcher Freude die Armen diese sprechenden Erinnerungen an geliebte Verstorbene oder an noch Lebende betrachten", stellte er fest.

Anstieg von Loyalität

Arme, Arbeiter und Bauern könnten nun Porträtfotos geliebter Menschen und vor allem auch solcher von Herrschern in ihrem Heim aufstellen. Dies habe beträchtlich zur Gefühlsentwicklung und Loyalität der unteren Gesellschaftsschichten beigetragen. Über ein Bildnis der Königin Viktoria schreibt Banner: "Es gibt kaum ein Wohnzimmer oder eine Hütte in England, in der dieses wohlbekannte und geliebte Bildnis nicht seinen Platz gefunden hat, und es ist in hohem Maße dieser intensiven gesellschaftlichen Wirkung der Fotografie zu verdanken, dass sich in unserem Volk ein Gefühl der Loyalität breitmacht (...)". 


(Zitate und Text beziehen sich auf das Buch Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen, Theorie der Fotografie I-IV 1839-1995, Verlag Schirmer/Mosel, München 2006)


 


Montag, 14. März 2022

Weichzeichner wurde im 19. Jahrhundert erfunden

Modelporträt
Weichzeichner und Hautglättungsfilter kamen hier zum Einsatz. Früher war alles anders.
 

Fotograf David Hamilton war nicht

der erste "Weichzeichner"

Mit Gazetuch oder Gardine über dem Objektiv hatte David Hamilton gegen Ende der 60er Jahre seinen unverwechselbaren Weichzeichner-Stil entwickelt. Wikipedia schreibt dazu, dass viele Kritiker diesen Stil "als kitschig, pornografisch oder latent pädophil" bezeichneten.

Gemalte Fotografie

Hamilton bezeichnete seine Art des Fotografierens als „gemalte Fotografie“. Neben Landschaften, Stillleben und Blumen zählten in der Hauptsache Bilder von jungen, pubertierenden Mädchen zu seinen Motiven. Von diesen fertigte er Aktfotos - Mädchen in leichter Bekleidung müssen ihm wohl auch gefallen haben.

Lange Beine und weiter Mund

"Hamilton hat selbst mehrfach dargelegt, welche Mädchen er am liebsten fotografierte und welche Merkmale seine Modelle aufweisen sollten. Sie sollten groß und schlank sein, eine ebenmäßige Gesichtsform besitzen, hohe Wangenknochen, hohe Augenbrauen und möglichst eine Stupsnase haben. Außerdem sollten sie einen langen Hals, einen weiten Mund, eine hohe Stirn, weite, möglichst blaue Augen und lange Beine haben. Er bevorzugte blonde und rothaarige Mädchen, da diese seiner Meinung nach einen besonders zarten Hauttyp haben und ihre Haut und Augen durchscheinend seien", klärt
Wikipedia auf.

Skandalträchtige Motive

Hamilton setzte seine Methode auch bei Kinofilmen ein. "Bilitis" war recht bekannt und wer den
Filmtitel "Zärtliche Cousinen" liest, der weiß spätestens jetzt wie die Fotos ausgesehen haben. Auf
jeden Fall war dieser Fotograf in den 70er Jahren für einige Skandale gut. Skandalträchtig war
auch der allererste Einsatz von Weichzeichner in der Fotografiegeschichte. Selbstverständlich
wurde damals nicht der gleichnamige Photoshopfilter eingesetzt. Mitte des 19 Jahrhunderts tobte
eine Realismusdebatte zwischen Malerei und Fotografie.

Erster "Weichzeichner" war eine Frau

Von der Fotografie wurde eine detaillierte Darstellung verlangt. Die Fotografin Julia Margaret
Cameron arbeitet völlig anders. Sie verfügte nur über meist mangelhafte Technik, die unscharfe Fotos ergab. Sie machte aus der Not eine Tugend und erklärte dies als gewollt: „Was bedeutet Schärfe – und wer hat das Recht zu sagen, welche Schärfe die richtige ist?“, meinte sie.

Unscharfe Flecken produzieren

Ein Kritiker hielt ihr entgegen: "Es ist nicht die Aufgabe des Fotografen, unscharfe Flecken zu produzieren. (...) Wenn man nur Helldunkelstudien wünscht, dann möge man sie mit Farbe oder Kohle und mit einem Scheuerlappen - wenn nötig - ausführen, aber die Fotografie ist vor allem die Kunst der Scharfzeichnung, und wenn eine Kunst von ihrer Funktion abweicht, dann ist sie verloren." (zit. nach Wolfgang Kremp, Theorie der Fotografie).

Objektiv leicht unscharf einstellen

1853 hielt der Maler und Fotograf William John Newton vor der Photographic Society of London
einen Vortrag über fotoästhetische Fragen. Er empfahl seinen Berufskollegen eine leicht unscharfe Einstellung des Objektivs. "Dabei halte ich es nicht für notwendig oder wünschenswert, dass der Künstler die Wiedergabe winzigster Details anstrebt: vielmehr soll er es auf eine breite und generelle Wirkung anlegen." Dazu brauche der Gegenstand nicht scharf zu erscheinen. Auf diese Art käme man dem Suggestiven der Naturdinge näher.

Wissenschaft als Legitimationsbasis

Peter Henry Emerson brachte sich 1886 in die Diskussion ein. Seine Argumente pro Unschärfe waren nicht neu, aber sie "wurden von einem neuen Fundament getragen. Wenn er wie Newton oder Claudet eine leicht unscharfe Einstellung empfahl, dann argumentierte er nicht im Hinblick auf die Kunst, sondern auf die Wissenschaft als Legitimationsbasis. Er berief sich auf die neuen Erkenntnisse der Physiologie, vor allem der Wahrnehmungsphysiologie des deutschen Naturforschers von Helmholtz, die besagten, daß das menschliche Auge ein Bild liefert, das nur an einer Stelle scharf und an allen anderen abgestuft unscharf bis verschwommen ausfällt", schreibt Wolfgang Kemp in seinem Aufsatz "Fotografie als Kunst".

Sprungbrett der Fantasie

Der englische Kunstfotograf Horsley Hinton vertrat 1904 die Position, dass der ideale Betrachter sehe in einer Naturszenerie mehr und andere Dinge als die Natur sie böte. Sie sei ein Sprungbrett der Fantasie. Ein Abbild/Foto habe seinen Wert nicht mehr "in der Treue, mit der es reproduziert, was das Auge sah, sondern in der Lebendigkeit, mit der es jenen geistigen Eindruck wieder erstehen lässt, den Natur und Phantasie auslösen. Nur zu diesem Zweck ist das Bild ein Mittel. Es ist nur ein Vorwand,  eine willkürliche Darstellung" (zit. nach Wolfgang Kemp, Fotografie als Kunst).

Ohne Kunstlicht und Filter

Das muss wohl Hamilton genauso gesehen haben. Er weigerte sich sogar seine Modelle ohne
Weichzeichnerzubehör zu fotografieren. Kunstlicht, Filter und Reflektoren lehnte er ebenso ab.
Schönheit werde nicht anhand von Charakter oder Schminke bestimmt, sondern einzig durch das
natürliche Aussehen, so Hamilton.

 

(Zitate und Text beziehen sich auf das Buch Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen, Theorie der Fotografie I-IV 1839-1995, Verlag Schirmer/Mosel, München 2006)

Glaskugelfotografie auf Extra-Seite

Baustelle durch Glaskugel gesehen
Baustellenabsperrung durch die Glaskugel gesehen.

 Infos rund um die Glaskugelfotografie 

auf meiner Sonderseite

Die Chance nutzen und auf meine Sonderseite zum Thema "Glaskugelfotografie" aufmerksam machen: Das möchte ich heute. Zahlreiche Infos rund um Anschaffung, Technik, Bildideen und mögliche Fehler erzähle ich dort.

Selbstverständlich gibt es zu allen Belangen und Informationen jede Menge Beispielfotos. 

Zur Sonderseite gelangen Sie hier entlang...

Sonntag, 13. März 2022

Fotografie als empirische Methode der Beobachtung

Bild darf nicht veröffentlicht werden
Ohne Worte.

Beobachtung mit der Kamera als Methode
der empirischen Sozialforschung

Was sagt die Außenaufnahme einer Bank über interne Abläufe, Arbeitsklima, Sozialgefüge und
Zufriedenheit der Arbeitnehmer aus? Was liefert das Klassenfoto wie jeder es kennt über
Devianzverhalten einzelner, interne Grüppchenbildung und Sozialkompetenz aus? Die Antworten sind
völlig klar: Sie sagen nichts aus!

Fotografie schminkt Zusammenhänge weg

Bereits 1930 beschäftigte sich Bertholt Brecht mit diesen Zusammenhängen. Er schrieb: "Sie brauchen nicht zu bezweifeln, daß der Film zeitgemäß ist! Die Fotografie ist die Möglichkeit einer Wiedergabe, die den Zusammenhang wegschminkt. Der Marxist Sternberg (...) führt aus, daß aus der (gewissenhaften) Fotografie einer Fordschen Fabrik keinerlei Ansicht über diese Fabrik gewonnen werden kann. Selbst wenn der Soziologe zu dem gleichen Resultat kommt wie der Ästhet, ist sein Resultat unendlich brauchbarer."

Beweisfoto für Außenseiter in Schulklasse gesucht

In dieser "Tradition" war es einst meine Aufgabe zusammen mit einer Studienkollegin das Medium Fotografie als Methode der Sozialforschung einzusetzen. Unser Ziel, formuliert vom genialen Professor für Soziologie und Seminarleiter Prof. Dr. Johannes Gordesch: "Beobachtet die Kinder einer Schulklasse. Findet heraus, wer zu den Außenseitern gehört!"

Beweisfotos für soziales Gefüge

Die Klasse war rasch gefunden. Unser Einsatz im Dienste der Sozialforschung konnte beginnen. Zu dieser Zeit war ich als freier Bildjournalist für die Berliner Presse tätig. Schwerpunkte waren Kultur und Sport. Also zählten Actionfotos von American Football sowie stimmungsvolle Aufnahmen von z.B. David Bowie zu meinem eigentlichen Metier. Beweisfotos für soziales Gefüge bei Schülern hatte ich noch niemals gemacht.

Leise Leica im Einsatz

Die Wahl der Waffen stand am Anfang. Wir entschieden uns gegen die laute Spiegelreflex mit Motor und für eine leise Leica. Trotzdem mussten sich die Kinder erst an uns gewöhnen. Und vor allem daran, dass wir sie durch den Sucher ständig ins Visier nahmen. Am ersten Vormittag "fotografierten" wir gänzlich ohne Film. Zuerst gabe es jede Menge Faxen von einzelnen Schülern, die sich gerade fotografiert wähnten. Nach vier Stunden wurde ihnen das aber sehr langweilig, sie beachteten uns nicht
mehr. Bingo! Unsere Taktik war aufgegangen.

Weg von Statusporträt

Früher dominierten Fotos von Adligen, Geschäftsmännern und Politikern die Porträtlandschaft mit ihren nahezu unnatürlichen Autoritäts- und Statusdarstellungen vor gestellten Hintergründen. Im Jahr 1929 änderte sich dies grundlegend. Der deutsche Fotograf August Sander stellte eine Reihe von Kopffotos (um nicht Porträts zu sagen) zusammen. Walter Benjamin beschreibt Sanders Vorgehensweise in seiner "Kleinen Geschichte der Fotografie" wie folgt: "Sander geht vom Bauern, dem erdgebundenem Menschen aus, führt den Betrachter durch alle Schichten und Berufsarten bis zu den Repräsentanten der höchsten Zivilisation und abwärts bis zum Idioten." Sander sei von der unmittelbaren Beobachtung ausgegangen.

Tradition der zarten Empirie

Diese sei bestimmt eine sehr vorurteilslose, ja kühne aber auch zarte gewesen, die sich an den Worten Goethes orientiert hatte. Der große deutsche Dichter sagte einst: "Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird." Alfred Döblin über Sanders Arbeiten: "Wie es eine vergleichende Anatomie gibt, aus der man erst zu einer Auffassung der Natur und der Geschichte der Organe kommt, so hat dieser Photograph vergleichende Photographie betrieben und damit einen wissenschaftlichen Standpunkt oberhalb der Detailphotographen gewonnen."

Fotos als Interpretation der Welt

Fotos von einem Kleinpächter zu machen war Ziel eines Projekts der Afrm Security Admininistration. Bekannte Fotografen wie Walker Evans, Dorothea Lange, Ben Shan und Russel Lee "machten Dutzende von Porträtaufnahmen eines Kleinpächters, bevor sie überzeugt waren, genau das getroffen zu haben, was sie auf dem Film festhalten wollen - jenen Gesichtsausdruck, der ihren eigenen Vorstellungen von Armut, Würde und Ausbeutung, von Licht, Struktur und geometrischem Maß entsprach", schreibt Susan Sontag in ihrem Aufsatz "In Platos Höhle". Fotografen würden ihrem Gegenstand stets bestimmte Maßstäbe aufzwingen. Die Fotos seien ebenso wie Gemälde eine Interpretation von Welt. Eben die Interpretation der Fotografen. Genau so erging es uns auch bei den Aufnahmen in der Schulklasse.

Ziel mehr als erfüllt

Zurück zur Schulklasse: Zwei Tage später hatten wir vier Ilford Schwarzweißfilme mit je 36 Aufnahmen belichtet. Der Einsatz vor Ort war beendet. Filmentwicklung und Kontakbögenprints waren unsere nächsten Aufgaben. Schon ein Blick auf die Kontaktprints ließ uns kleine Jubelschreie gen Himmel schicken. Die Miniaturfotos deuteten bereits an, dass wir unsere Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit erledigt hatte. 100 Abzüge in 18x24 waren bald getrocket. Wir konnten unsere Auswahl
treffen und erkannten schnell, dass wir unser Ziel mehr als erfüllt hatten.

Schülerin mit traurigem Blick

Unsere Fotos zeigten die Grüppchenbildungen während des offenen Unterrichts ebenso wie Pärchen, die sich beim freien Spielen gefunden hatten. Ein Foto stach aus der Masse gänzlich heraus: Während alle Schüler im rechten Bereich des Klassenzimmers miteinander ein Spiel spielten, saß links eine muslimische Schülerin völlig allein und schaute den anderen mit wirklich traurigem Blick zu. Scheinbar durfte sie nicht am Spiel teilnehmen. Zack! Das war unser Außenseiterfoto mit der größten Aussagekraft. Es gab zwar noch einige andere, aber dieses Bild berührte uns wirklich sehr. Das bestätigten später die anderen Seminarteilnehmer und auch Prof. Gordesch.

Streetfotografie bietet Möglichkeiten

Fotografie als Methode wurde ein Jahr später Thema meiner Diplomprüfung zum Soziologen. Es begeistert mich auch noch heute. Leider verbietet die Datenschutzgrundverordnung die Veröffentlichung von Fotos mit Darstellung von Menschen, die keine Einwilligung gegeben haben. Die Streetfotografie könnte sehr viele Belege für soziale Belange liefern - darf sie aber nicht.
Schade eigentlich!

Bilderstellung mit Künstlicher Intelligenz

  Von abstrakter Fotografie zu  Künstlicher Intelligenz Nach zahlreichen Experimenten mit Polaroids oder ICM trieb mich die aktuelle Entwick...